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Beitrag von [Anonym]

Es ist schon viele Jahre her und zwischenzeitlich weiß ich, dass es gut war, keinen Arzt aufzusuchen. Denn ich habe nach 1 Jahr Kampf alleine geschafft, aus dem psychotischen Erleben wieder herauszukommen. Hier meine Geschichte:

Ein guter Freund hatte sich das Leben genommen und sein Tod berührte mich sehr. Ich war mit ihm und seiner Familie befreundet, ihm ging es schon lange nicht gut und er hatte bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Manchmal sprachen wir darüber und überlegten gemeinsam, wie es ihm besser gehen könnte. Er war auch in therapeutischer Behandlung, aber irgendwann kam jede Hilfe zu spät. Auf einmal war er tot und ich hatte das Gefühl, Mitverantwortung zu tragen, nicht richtig geholfen zu haben. Über Wochen beschäftige mich sein Tod und wie es dazu kam, bis ich ihn im Waschraum des Hauses, in dem ich wohnte, wieder traf. Ich sah ihn nicht, aber ich spürte und ich hörte ihn. Er sprach zu mir, erzählte mir, warum er das gemacht hat und fragte mich, wie es seiner Familie ging.

Im ersten Moment erschrak ich und dachte, dass das doch gar nicht sein könnte. Ich machte meine Wäsche, verließ mit wackligen Beinen den Waschraum und er war wieder weg. Tage später, ich hatte wieder Wäsche zu machen, ging ich in den Waschraum. Und er war auch wieder da. Mit einem Schrecken und etwas Angst unterhielt ich mich wieder mit ihm. Es waren ähnliche Gespräche, wie wir sie zu seinen Lebzeiten hatten, geistreich und mit Tiefgang, unverblümt und ohne Scheu, sich auch die dunklen Seiten zu erzählen.

So ging es ca. 1 Jahr lang, immer, wenn ich im Waschraum war. Ich traute mich damals nicht, jemandem davon zu erzählen, denn mir war auf der einen Seite klar, dass das eigentlich nicht sein kann, auf der anderen Seite passierte es aber. Ich gebe zu, dass Wäsche machen dadurch etwas zur Belastung für mich wurde, dennoch war meine Angst davor, für verrückt erklärt zu werden, größer als die Begegnung mit ihm. Ich hatte schon viele Horrorgeschichten über Psychiatrie gehört und was einem dort passieren kann. Außerdem wollte ich keine Irre sein, wie die Leute dort genannt wurden. Deshalb versuchte ich, mit der Situation klar zu kommen. Gott sei Dank beschränkte es sich ja auch auf den Waschraum und er kam nicht in meine Wohnung.

Doch dann fing er an, aufdringlich zu werden. Er erzählte mir, wie schön es dort sei, wo er ist und dass ich doch auch dorthin kommen sollte. Er sagte mir, dass es gar nicht so weh tun würde, sich umzubringen und dass der kurze Schmerz kürzer dauern würde als der nicht aufhörende Schmerz des Lebens. Ich befand mich damals in einer schwierigen Lebenssituation, hatte Probleme mit meinem Freund und mir ging es nicht gut. Selbstmordgedanken waren mir zwar nicht fremd, aber es waren nur Gedanken und ich hätte das nicht tun wollen. Er forderte mich immer wieder dazu auf und Wäsche machen wurde für mich zur Qual. Deshalb stand ich kurz vor der Entscheidung, doch zu einem Arzt zu gehen, damit das aufhört. Aber dann kam ich auf eine Idee, die ich erstmal ausprobieren wollte: Seit der Beerdigung war ich nicht mehr an seinem Grab. Warum auch, er war ja dauernd bei mir. Ich dachte, jetzt gehe ich mal zu ihm hin und sage ihm laut und deutlich, dass er damit aufhören soll. Dass ich ihn nicht mehr in der Waschküche treffen will und mich vor allem nicht umbringen will. Also fuhr ich zu seinem Grab, wartete, bis keine anderen Menschen mehr in hörbarer Nähe waren und sagte ihm die Meinung. Ich hielt ihm einen langen Vortrag, dass ich die Gespräche mit ihm immer geschätzt hätte, auch irgendwann in der Waschküche, aber dass nun der Zeitpunkt gekommen wäre, an dem sich unsere Wege trennen müssten. Mit Bestimmtheit und unmissverständlich sagte ich zu ihm: Lass mich in Ruhe und lass mich mein Leben leben.

Ab diesem Zeitpunkt war er weg und kam nie wieder. Und es gibt bis heute keine anderen Erfahrungen in meinem Leben, in denen ich solche komischen Erlebnisse hatte. Hoffentlich bleibt es so.