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Beitrag von [Anonym]

Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu meinem Eltern. Eigentlich ein beschissenes Verhältnis, deshalb meldete ich mich auch nur bei ihnen, wenn es sein musste. Nachdem wir uns jahrelang bekriegt hatten und ich schließlich ausgezogen war, hatten wir kaum mehr miteinander zu tun. Um so erstaunter war ich, als es mir total nahe ging, als sie starben. Sie starben wenige Monate nacheinander, was auch mit sich brachte, dass ich mit wenigen Monaten Abstand zu Beerdingungen gehen musste. Dort traf ich auch auf die Verwandten, mit denen ich ebenfalls jahrelang nichts mehr zu tun hatte. Ich hatte mein eigenes Leben und das fand ich gut.

Eines Abends, ich saß vor dem Fernseher, sah ich auf einmal meine Mutter auf dem Balkon. Sie ging dort hin und her. Ich hatte mich total erschreckt und zog schnell die Vorhänge zu, damit sie mich nicht sehen kann. Mein Herz raste vor Aufregung und ich nahm eine Beruhigungstablette. Es war gerade ein paar Monate her, dass sie beerdigt war, und ich hatte es einigermaßen verdaut, dachte ich. Auf jeden Fall hatte ich mich damit abgefunden, dass es nie mehr in meinem Leben eine Gelegenheit geben wird, mit ihr zu reden. Nachdem sie gestorben war, merkte ich, dass ich eigentlich gerne eine Mutter gehabt hätte. Aber nicht sie als Mutter. Und ich merkte, dass ich insgeheim gehofft hatte, dass wir irgendwann mal miteinander reden können, uns vielleicht sogar wieder vertragen können. Das war aber jetzt endgültig nicht mehr möglich.

Nachdem ich sie auf dem Balkon gesehen hatte, kamen wieder diese lästigen Sehnsüchte nach einer Familie in mir hoch. Aber nicht meiner Familie, denn die war beschissen. Und als wenn das nicht schon gereicht hätte, kam meine Mutter immer wieder auf meinen Balkon. Immer wieder am Abend ging sie dort hin und her, wie ein sich bewegendes Mahnmal zeigte sie Präsenz. Aber sie schaute mich nie an, sie ging nur hin und her. Deshalb hängte ich Vorhänge vor den Balkon, die ich ab dann abends immer zu machte. Eigentlich kann ich Vorhänge nicht leiden und habe lieber den Blick nach draußen. Aber ich wollte sie nicht immer wieder sehen.

Nun wusste ich aber nicht, ob sie vielleicht trotzdem auf dem Balkon hin und her geht. Obwohl der Vorhang zu war, musste ich immer wieder daran denken. Den Mut, nachzuschauen, hatte ich nicht. Aber alleine das Gefühl fand ich unerträglich.

So ging es ein paar Monate, bis es eine Gelegenheit gab, umzuziehen. Mir wurde eine neue Arbeitsstelle angeboten und ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf. Klar, die Gelegenheit auf einen anderen Job fand ich am besten. Aber den Nebeneffekt, vielleicht meine Mutter wieder los zu werden, fand ich auch nicht schlecht. Also zog ich in eine andere Stadt, in eine Wohnung ohne Balkon.

Seitdem war ich nicht mehr am Grab meiner Eltern. Ich habe Angst davor, dass sie dann herausfinden dass ich umgezogen bin und wo ich jetzt wohne. In der alten Wohnung habe ich gelebt, als sie gestorben sind und ich bilde mir ein, dass sie meine neue Wohnung deshalb nicht finden können. Hört sich irgendwie bescheuert an, als wenn Tote beim Besuch am Grab Gedanken lesen könnten. Aber seitdem ist der Spuk vorbei. Bis auf die gelegentlichen Gedanken daran, dass vor allem meine Mutter mich hoffentlich nicht ausfindig macht.